Gute-Nacht-Geschichte
Das Buch muss zurück
- ab 6 Jahren
- ca. 6 Min. vorlesen
- 6 Min. anhören
- 16 Seiten
- Bleistift
Kostenlos und ohne Anmeldung. Das Buch öffnet sich auf dem Schreibtisch – „Vorlesen lassen“ startet die Erzählstimme.
Die Geschichte zum Vorlesen

„Morgen muss der Mondbär zurück in die Bücherei.“ Mama hält den Zettel hoch. Marie drückt das Buch an sich. Seit drei Wochen liest Mama es ihr jeden Abend vor. Einundzwanzig Mal. „Das ist zu früh“, sagt Marie. „Ich hab ihn doch gerade erst lieb.“

Im Buch wohnt ein weißer Bär auf einem Hügel. Jede Nacht klettert er auf einer Leiter zum Mond und putzt ihn mit seinem roten Schal: „Wisch und wusch – der Mond ist blank.“ Marie sagt es immer mit. Und den Mondbär gibt sie nicht her.

Marie versteckt den Mondbär. Erst unter dem Teppich – da ist ein Hubbel. Dann im Kleiderschrank – da guckt eine Ecke raus. Zuletzt unter ihrem Kopfkissen. „Wo ist denn der Mondbär?“, fragt Mama. „Weg“, sagt Marie. „Zum Mond geflogen.“

Mama setzt sich aufs Bett. Knirsch, macht das Kissen. „Komisch“, sagt Mama. „Seit wann hat dein Kissen Ecken?“ Marie kichert. Mama kichert auch. Aber dann sagt sie: „Bücher aus der Bücherei gehören allen. Auch dem nächsten Kind.“ Marie zieht die Nase kraus.

„Dann verlängern wir eben!“, ruft Marie. „Noch drei Wochen. Oder hundert.“ Mama holt ihr Handy und tippt auf die Seite der Bücherei. Marie hält die Luft an. Mama tippt noch mal. Dann schüttelt sie den Kopf.

„Geht nicht. Der Mondbär ist vorgemerkt. Ein anderes Kind wartet schon auf ihn.“ „Welches Kind?“, ruft Marie. „Wie heißt es? Hat es überhaupt einen roten Schal?“ Sie stellt sich ein fremdes Kind vor, mit IHREM Mondbär im Arm. Das ist noch viel schlimmer.

Da hat Marie eine Idee. Sie holt Papier und ihre Stifte. „Ich mal ihn ab“, sagt sie. „Dann hab ich meinen eigenen.“ Seite um Seite malt sie: den Hügel, die Leiter, den roten Schal. Sie malt, bis ihr die Hand wehtut.

Dann legt sie ihr Buch neben den Mondbär. Weiß hat sie nicht, also ist ihr Bär braun. Und rund. Und hat sehr kleine Ohren. „Ein Kartoffelbär“, sagt Mama vorsichtig. „Wie Papa am Sonntag auf dem Sofa.“ Da müssen beide lachen. Aber nur kurz.

Marie blättert in ihrem Buch. Kartoffelbär, Kartoffelbär, Kartoffelbär. Es ist nicht dasselbe. Es riecht nicht nach Bücherei, und der Mond glänzt nicht. Eine Träne tropft auf den Kartoffelbär. Jetzt hat er auch noch einen Fleck. „Ich will nicht, dass er weggeht“, schluchzt Marie.

Mama nimmt sie in den Arm und sagt nichts. Marie denkt an damals. Auch sie hat auf den Mondbär gewartet. Drei lange Wochen. Jeden Tag hat sie gefragt: „Ist er schon zurück?“ Sie denkt an das andere Kind. Ob es jetzt auch fragt?

Marie wischt sich die Nase. Dann holt sie einen Zettel und den dicksten Stift. Ganz langsam schreibt sie, Buchstabe für Buchstabe: FÜR DICH. Darunter malt sie einen Mond. Und einen roten Schal. „Damit das Kind weiß, wie man den Mond putzt“, sagt sie.

Sie steckt den Zettel vorne in den Mondbär. Dann überlegt sie und legt noch etwas dazu: den Kartoffelbär. „Damit der Mondbär nicht allein ist“, erklärt sie. Mama prustet los. „Der Kartoffelbär kommt in die Bücherei. Das hat Papa noch nie geschafft.“

Dann liest Mama den Mondbär vor. Ein letztes Mal. Das Licht der Nachttischlampe ist warm und gelb. Doch nach der ersten Seite hört Mama auf zu lesen. Denn Marie spricht schon jedes Wort mit. Jedes einzelne.

Marie erzählt das ganze Buch allein, mit geschlossenen Augen. Den Hügel. Die Leiter. Den roten Schal. „Wisch und wusch – der Mond ist blank.“ Mama klappt das Buch leise zu. „Er ist ja gar nicht weg“, flüstert Marie. „Er wohnt jetzt in meinem Kopf.“

Mama legt das Buch in die Tasche an der Tür. Morgen bringen sie es zurück. Sie macht das Licht aus und gibt Marie einen Kuss. Durchs Fenster scheint der echte Mond. Rund und hell. Fast so blank wie im Buch.

Irgendwo schläft jetzt ein anderes Kind und wartet. Morgen ist der Mondbär bei ihm. Marie kuschelt sich tief in die Decke. „Wisch und wusch“, murmelt sie. „Gute Nacht, Mondbär.“ Und der Mond scheint für sie beide.

Ende. Gute Nacht!