Gute-Nacht-Geschichte
Kuckuck Kuno verzählt sich
- ab 6 Jahren
- ca. 6 Min. vorlesen
- 7 Min. anhören
- 16 Seiten
- Bilderbuch
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Die Geschichte zum Vorlesen

Bei Oma Gerda hängt eine Kuckucksuhr, die sich verzählt. Heute schläft Moritz zum ersten Mal allein bei Oma, im Gästezimmer, direkt unter der Uhr. Sie hat keine Zahlen, nur zwölf goldene Punkte. Um sieben springt das Türchen auf: „Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck!“ Nur dreimal?

„Das ist Kuno“, sagt Oma Gerda. „Er verzählt sich, seit ich denken kann.“ „Kann man ihn nicht reparieren?“ Oma lacht. „Ich verzähl mich auch manchmal. Mich repariert auch keiner.“ Sie gibt Moritz einen Kuss und macht das Licht aus. „Ich bin nebenan.“

Das Bett riecht nach Oma, und die Uhr klingt lauter als zu Hause. Tick, tack, tick, tack – Türchen auf und: „Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck! …“ Zwölfmal! Moritz setzt sich auf. „Es ist doch erst acht!“ Da piepst eine kleine Stimme: „Acht? Woher weißt du das?“

Auf der Bettkante sitzt Kuno und schämt sich. „Ich verzähl mich seit hundert Jahren.“ „Zähl doch mit den Fingern!“, sagt Moritz. „Welche Finger?“ Kuno nimmt die Zehen: zwei vorn, zwei hinten. „Eins, zwei, drei, vier … und weiter?“ Plumps! Kuno kippt kopfüber ins Kissen.

Moritz schleicht in die Küche und holt Omas Keksdose. Zwölf Butterkekse legt er auf die Decke, einen für jeden Punkt. „Jetzt zählst du die Kekse“, flüstert er. Kuno nickt eifrig. „Eins“, sagt er. Knusper. „Zwei.“ Knusper. „Drei.“ Knusper, knusper.

Bei „zwölf“ ist die Decke voller Krümel und kein Keks mehr da. „Und?“, fragt Moritz. „Wie viele waren es?“ Kuno denkt nach, mit vollem Schnabel. „Lecker“, sagt er. „Es waren lecker viele.“ Moritz prustet ins Kissen. Morgen zählt Oma die Kekse. Hoffentlich verzählt sie sich.

Moritz hat noch eine Idee, eine verbotene. Er steigt auf den Stuhl und dreht den großen Zeiger. Rundherum, ganz schnell. „Üben!“, ruft er. Neun Uhr: Türchen auf! Zehn Uhr: Türchen auf! Elf Uhr, zwölf Uhr … „Kuckuck-kuckuck-kuckuck!“

Kuno ruft und ruft, jedes Mal falsch, bis ihm die Federn zu Berge stehen. Endlich ist der Zeiger wieder da, wo er war. Nebenan knarzt das Bett. „Moritz? Ist was?“ „Nein, Oma! Nur Kuno!“ „Ach so“, brummt Oma. „Der schon wieder.“

Kuno sitzt zerzaust in seinem Türchen. „Halb neun“, sagt Moritz leise. „Jetzt musst du einmal rufen. Nur einmal.“ Tick, tack, tick, tack – Türchen auf und … Kuno macht den Schnabel auf. Und wieder zu. Kein Ton. Das Türchen klappt zu.

Drinnen flüstert Kuno: „Ich ruf lieber gar nicht mehr. Dann ruf ich auch nicht falsch.“ Moritz kennt das. Heute in der Schule wusste er die Antwort. Und hat trotzdem nicht aufgezeigt. Er zieht die Decke bis zur Nase. Und dann hat er eine Idee.

„Kuno, komm raus“, flüstert Moritz. „Du musst gar nicht im Kopf zählen. Guck, wohin der kleine Zeiger zeigt. Dann hüpf von oben Punkt für Punkt bis dahin. Bei jedem Punkt einmal Kuckuck.“ Kuno lugt aus dem Türchen. „Hüpfen kann ich. Hüpfen kann ich gut!“

Kuno übt im Flüsterton. Hüpf – „kuckuck“, hüpf – „kuckuck“, über den Rand der Uhr. Einmal hüpft er zu weit – mitten auf Moritz’ Nase. „Hoppla!“ „Macht nichts“, sagt Moritz. „Noch mal.“ Kuno kichert leise. „Noch mal ist ein schönes Wort.“ Und dann klappt es. Wieder und wieder.

Dann ist es fast neun. Kuno klettert in sein Häuschen. „Zählst du mit?“, fragt er. Moritz kuschelt sich unter die Decke, die Augen auf der Uhr. Der kleine Zeiger zeigt auf den neunten Punkt. Tick, tack, tick, tack – Türchen auf und …

„Kuckuck“ – eins. „Kuckuck“ – zwei. Drei, vier, fünf … Moritz zählt flüsternd mit, und Kuno hüpft im Kopf von Punkt zu Punkt. Sechs, sieben, acht – „Kuckuck!“ Neun. Das Türchen bleibt offen. Kuno strahlt. Nebenan murmelt Oma im Schlaf: „Na also.“

Kuno winkt mit einem Flügel. „Gute Nacht, Moritz. Danke fürs Zählen.“ „Gute Nacht, Kuno. Danke fürs Rufen.“ Leise klappt das Türchen zu. Moritz gähnt. Morgen in der Schule, denkt er, zeig ich auf. Und wenn es falsch ist, dann eben: noch mal.

Um zehn wird Kuno zehnmal rufen. Ganz genau zehnmal. Aber das hört Moritz nicht mehr. Tick … tack … Türchen zu. Die Uhr wacht. Oma schläft nebenan. Kuno ruht in seinem Häuschen. Und Moritz schläft, so warm und so ruhig. Gute Nacht.

Ende. Gute Nacht!