Gute-Nacht-Geschichte
Babcia schnarcht
- ab 7 Jahren
- ca. 5 Min. vorlesen
- 6 Min. anhören
- 8 Seiten
- Papierkunst
Kostenlos und ohne Anmeldung. Das Buch öffnet sich auf dem Schreibtisch – „Vorlesen lassen“ startet die Erzählstimme.
Die Geschichte zum Vorlesen

„Babcia kommt!“, ruft Mama. Babcia ist Mamas Mama und wohnt in Krakau, weit weg in Polen. „Zwei Wochen lang. Und sie schläft in deinem Zimmer.“ Zoe lässt vor Schreck den Löffel in die Cornflakes fallen. „In MEINEM Zimmer? In MEINEM Bett?“ „Und du schläfst auf der Luftmatratze“, sagt Mama. „Wie beim Zelten.“ Zoe legt sich probehalber drauf. Quietsch, macht die Luftmatratze. „Pfff“, macht Zoe. Das wird bestimmt das schlimmste Zelten der Welt.

Am Samstag steht Babcia vor der Tür, klein und rund, mit einem roten Koffer, so groß wie ein Kühlschrank. „Dzień dobry, Zoe!“, ruft sie. Im Koffer sind eine Federdecke, dick wie eine Wolke, ein Mohnkuchen, eine Schere, ganz viel buntes Papier und ein riesiges Glas saure Gurken. „Gurken? Im Koffer?“, fragt Zoe. „Polnische Gurken“, sagt Babcia ernst. „Die besten der Welt.“ Mama fischt sich sofort eine heraus. „Das muss ich prüfen“, sagt sie mit vollem Mund.

In der ersten Nacht liegt Zoe auf der Luftmatratze und kann nicht schlafen. Denn Babcia schnarcht. „Chrrrr – pfiuuu. Chrrrr – pfiuuu.“ Es klingt wie eine Säge, die pfeifen gelernt hat. Zoe zieht sich das Kissen über den Kopf und drückt es ganz fest auf die Ohren. „Chrrrr – pfiuuu.“ Nicht schon wieder! Sie zählt die Schnarcher. Bei siebenundvierzig gibt sie auf. „Vierzehn Nächte“, flüstert sie. Sie rechnet. Das sind ungefähr eine Million Schnarcher.

In der zweiten Nacht stopft sich Zoe Watte in die Ohren. Ganz viel Watte. „Chrrrr – pfiuuu.“ Nicht schon wieder! Jetzt klingt es nur, als würde die Säge unter Wasser pfeifen. Zoe summt dagegen an, lauter und lauter. Da schnarcht Babcia auch lauter. Am Morgen hat Zoe Ringe unter den Augen und Babcia rosige Wangen. „Gut geschlafen, kochanie?“, fragt Babcia fröhlich. Zoe brummt nur etwas Unverständliches. Wie ein kleiner Bär im Winter.

Am Nachmittag regnet es. Babcia holt die Schere und das bunte Papier. Sie faltet, schneidet, schnipp, schnapp – und klappt auf. Ein Hahn! Rot, grün und gelb, beide Hälften genau gleich. „Wycinanki“, sagt Babcia. „Papierkunst aus meinem Dorf.“ Zoe probiert es auch. Falten, schneiden, aufklappen. Es ist … kein Hahn. „Ein Kuhhase!“, ruft Babcia begeistert. Zum ersten Mal lachen sie zusammen. Und am Abend bringt Babcia ihr ein Wiegenlied bei: „Aaa, kotki dwa …“ „Zwei kleine Katzen, beide grau“, erklärt sie. „Sie tun nichts. Sie schlafen nur.“

In der dritten Nacht macht Zoe es anders. Sie wehrt sich nicht mehr. Sie hört einfach zu. „Chrrrr – pfiuuu. Chrrrr – pfiuuu.“ Das ist ja ein Takt! Ganz leise summt Zoe das Katzenlied dazu: Chrrrr – aaa, pfiuuu – kotki dwa. Und schwupp, schläft sie. Von da an tauschen die beiden jeden Tag Wörter. Zoe lernt „kot“ und „dobranoc“, Babcia lernt „Quatsch“ und „Kuddelmuddel“. Und am Fenster kleben bald lauter Papierhähne – und ein einziger Kuhhase.

Dann ist die letzte Nacht da. Babcias Koffer steht gepackt an der Tür. Zoe liegt auf der Luftmatratze und wartet auf das Schnarchen. Aber es bleibt still. Kein Chrrrr. Kein Pfiuuu. Kein Lied. Babcia liegt mit dem Rücken zu ihr, und ihre Schulter zittert ein kleines bisschen. So still war es noch nie. So still, dass Zoe nicht schlafen kann. Sie denkt nicht lange nach. Sie krabbelt zu Babcia unter die Wolkendecke.

„Babcia“, flüstert Zoe, „nächstes Mal darfst du wieder in meinem Bett schlafen.“ Babcia schnieft. „Und schnarchen?“ Zoe überlegt. „Und schnarchen.“ Babcia lacht leise in die Dunkelheit, und die Federdecke wackelt. Dann summen sie zusammen: „Aaa, kotki dwa …“ Zwei kleine Katzen. Sie tun nichts. Sie schlafen nur. Und gerade als Zoe einschläft, hört sie es: „Chrrrr – pfiuuu.“ Zoe lächelt. Jetzt klingt es gar nicht mehr wie eine Säge. Jetzt klingt es wie Babcia. Dobranoc.

Ende. Gute Nacht!