Gute-Nacht-Geschichte
Das halbe Armband
- ab 7 Jahren
- ca. 6 Min. vorlesen
- 7 Min. anhören
- 16 Seiten
- Buntstift
Kostenlos und ohne Anmeldung. Das Buch öffnet sich auf dem Schreibtisch – „Vorlesen lassen“ startet die Erzählstimme.
Die Geschichte zum Vorlesen

In der großen Pause zerreißt das Freundschaftsarmband. Dabei fing alles mit einem Satz an. „Nele schläft noch mit einem Kuschelschaf!“, hat Jule gerufen, laut, vor allen. Alle haben gelacht. Nele ist heiß geworden, vom Bauch bis in die Ohren. „Du bist nicht mehr meine Freundin!“, hat sie geschrien und am Armband gerissen. Ratsch.

Jetzt ist es Abend, und das Armband liegt in zwei Hälften auf Neles Nachttisch. Jule hat es ihr im Sommer geknüpft, mit ihrem Knotenspruch: „Rot über Gelb, Gelb über Blau – Knoten für Knoten, ganz genau.“ Nele dreht sich zur Wand. Molli, das Kuschelschaf, liegt neben ihr und guckt. „Guck nicht so“, sagt Nele.

Nele knipst die Lampe an. Vielleicht kann man das Armband einfach zusammenknoten? Sie knotet die zwei Enden zusammen, fest, fester, am festesten. Jetzt ist ein dicker Knubbel in der Mitte. Und das Armband ist so kurz, dass es nicht mal mehr um Mollis Bein passt.

Nele probiert es trotzdem. Sie zieht und zerrt. Molli guckt geduldig. Ratsch – wieder auseinander, diesmal in drei Teile. „Na toll“, sagt Nele. „Jetzt ist es ein Drittel-Armband.“ Sie muss ein bisschen lachen, obwohl sie gar nicht lachen will. Dann denkt sie an Jules Gesicht in der Pause. Und hört sofort wieder auf.

Klebeband! Nele schleicht zum Schreibtisch und holt die Rolle. Sie klebt die drei Stücke aneinander. Dann klebt das Klebeband an ihren Fingern. Dann an Mollis Ohr. Dann an ihren Haaren. Am Ende klebt alles an allem, nur das Armband nicht.

Nele zupft sich Klebeband aus dem Pony. Molli hat jetzt eine Frisur wie ein Punk. „Tut mir leid, Molli“, flüstert Nele. Und plötzlich merkt sie, wie leicht das war. Drei Wörter. Zu einem Schaf. Warum ist es bei Jule so schwer?

Also schreibt sie Jule einen Zettel. Der erste: „Du bist doof.“ Stimmt, aber hilft nicht. Zerknüllt. Der zweite: „Ich bin doof.“ Stimmt auch nicht ganz. Zerknüllt. Der dritte Zettel bleibt leer. Nele starrt ihn an, bis die Buchstaben in ihrem Kopf durcheinanderpurzeln.

Um das Bett herum liegen jetzt drei Papierkugeln, drei Armbandstücke und ein beklebtes Schaf. Es ist schon ganz spät. Draußen fährt kein Auto mehr. Nele hat Bauchweh, aber nicht vom Essen. Sie drückt Molli an sich. „Ich will nicht mehr wütend sein“, flüstert sie. „Aber ich weiß nicht, wie das aufhört.“

Da geht leise die Tür auf. Mama steht da, verschlafen, mit zerzausten Haaren. Sie sieht die Papierkugeln, das Klebeband, das Drittel-Armband. Sie sagt nichts. Sie setzt sich nur auf die Bettkante. Und Nele erzählt alles, vom Kuschelschaf, vom Lachen, vom Ratsch. Mitten im Erzählen fängt sie an zu weinen.

„Ich bin gar nicht mehr wütend“, schnieft Nele. „Ich bin traurig. Ich vermisse Jule. Dabei war sie heute Mittag noch da.“ Mama nimmt sie in den Arm und hört einfach zu. So lange, bis ihr Kopf an Neles Kissen sinkt. Und dann schnarcht Mama. Ganz leise.

Nele muss kichern. Sie deckt Mama mit ihrer Decke zu. Dann holt sie die Fadenkiste, rot, gelb und blau, und knüpft. Ein neues Armband, nicht geflickt. „Rot über Gelb, Gelb über Blau – Knoten für Knoten, ganz genau.“ In die Mitte fädelt sie eine Holzperle mit einem gemalten Schaf. Und sie schreibt einen Zettel: „Molli und ich sagen: Tut uns leid.“

Am Morgen, am Schultor, stehen sie sich gegenüber. Beide ziehen gleichzeitig die Hand aus der Tasche. In beiden Händen liegt ein Armband: rot, gelb, blau. „Tut mir leid“, sagen beide gleichzeitig. Jule wird rot. „Ich schlaf auch mit einem Kuscheltier“, flüstert sie. Aus ihrem Rucksack guckt ein Kuschelpinguin. „Herr Pommes.“

Sie binden sich die Armbänder gegenseitig um, Knoten für Knoten, ganz genau. Am Abend ist Nele so müde wie noch nie. Sie putzt sich die Zähne mit geschlossenen Augen. Mama gähnt auch. „Die Nacht war kurz“, sagt sie. „Für uns alle.“ Molli hat noch ein bisschen Klebeband im Fell.

Im Bett liegt Nele mit Molli im Arm. Am Handgelenk spürt sie das neue Armband, ein bisschen kratzig und ganz warm. Mama setzt sich auf die Bettkante. Diesmal schläft sie nicht ein. Sie gibt Nele einen Kuss, Molli auch einen, und macht das Licht aus.

Im Dunkeln dreht Nele das Armband um ihr Handgelenk. Ein paar Straßen weiter liegt jetzt Jule im Bett, mit Herrn Pommes und Neles Armband. Vielleicht dreht sie es auch gerade. Nele lächelt. „Rot über Gelb“, flüstert sie, „Gelb über Blau …“

„Knoten für Knoten …“ Neles Augen werden schwer. Kein Ratsch mehr, kein Klebeband, kein Bauchweh. Nur Molli, warm an ihrer Wange, und ein Faden, der hält. „… ganz genau“, murmelt Nele. Im Flur geht das Licht aus. Das Haus ist still. Dann schläft sie. Ganz ruhig. Ganz warm.

Ende. Gute Nacht!