Gute-Nacht-Geschichte
Die erste große Reise
- ab 5 Jahren
- ca. 5 Min. vorlesen
- 6 Min. anhören
- 16 Seiten
- Aquarell
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Die Geschichte zum Vorlesen

Lilli will nicht nach Afrika. Sie sitzt in ihrem Nest unter dem Scheunendach, und draußen ist Herbst. „Die anderen Schwalben sind schon los“, sagt Mama. „Wir fliegen auch. Heute.“ Lilli kneift die Augen zu. „Ich bleib hier.“

„Afrika ist weit“, sagt Lilli. „Was, wenn ich unser Nest nie wiederfinde?“ Opa Kasimir plustert sich auf. „Ich bin siebenmal nach Afrika geflogen“, sagt er. „Und siebenmal zurück. Nur meine Brille finde ich nie.“ Er trägt gar keine.

Also fliegt Lilli los, zwischen Mama und Opa. Über Felder, über Dörfer. Am Abend rasten sie auf einer langen Leitung. „Ist das schon Afrika?“, fragt Lilli. „Nein“, sagt Opa. „Das ist ein Draht.“

Der Draht summt. Lilli schaut zurück. Die Scheune ist nur noch ein winziger Punkt, dann ist sie weg. „Morgen fliegen wir übers Meer“, sagt Mama. „Übers Meer?“, piepst Lilli. „Und wo setzt man sich da hin?“

Das Meer ist blau und riesig und hat keinen einzigen Ast. Lilli fliegt und fliegt. Ihre Flügel werden schwer wie nasse Blätter. „Ich kann nicht mehr“, keucht sie. Da taucht unten im Abendlicht etwas auf.

Ein Schiff! Die drei landen auf dem höchsten Mast. Das Schiff schaukelt sanft, die Wellen rauschen. „Ist das schon Afrika?“, fragt Lilli. „Nein“, sagt Opa. „Das ist ein Schiff. Aber ausruhen kann man prima.“

Dann kommt die Wüste. Sand, Sand und noch mehr Sand. Die Sonne brennt. Kein Baum, kein Draht, kein Mast. Nur ein brauner Hügel. Die drei landen darauf. Der Hügel ist warm. Und er bewegt sich.

„Ist das schon Afrika?“, fragt Lilli. Der Hügel dreht den Kopf. „Ja“, brummt er. „Ich bin Kurt, das Kamel. Und Afrika ist groß. Ihr müsst noch weiter.“ Lilli fällt vor Schreck fast herunter. Opa kichert.

In der Nacht ist die Wüste kalt und still. Mama und Opa schlafen auf Kurts Rücken. Nur Lilli liegt wach. Hinter ihr ist alles weit weg: das Meer, der Draht, die Scheune. „Ich finde nie mehr zurück“, flüstert sie.

Über ihr funkeln die Sterne, tausend und noch mehr. Lilli zählt auf, was sie gesehen hat, ganz leise: Scheune. Draht. Schiff. Sand. Und plötzlich merkt sie: Wenn man es rückwärts singt, ist es der Weg nach Hause!

Ganz leise singt Lilli: „Sand, Schiff, Draht, Scheune – und schon bin ich zu Haus.“ Noch mal. Und noch mal. Kurt wackelt mit den Ohren. Opa öffnet ein Auge. „Was singst du da?“ „Meinen Heimweg“, sagt Lilli. „Für den Frühling.“

Viele Tage später sehen sie rote Erde, grüne Bäume und runde Häuser mit Strohdächern. „Ist das schon Afrika?“, fragt Lilli. „Das ist unser Afrika“, sagt Mama. Opa landet und ruft: „Hier! Hier hab ich bestimmt meine Brille liegen lassen!“

Unter dem Strohdach eines runden Hauses finden sie einen warmen Balken. Die Grillen zirpen, die Sonne sinkt rot und rund. Lilli kuschelt sich zwischen Mama und Opa. Ihr Bauch ist voller Mücken und voller Ruhe.

„Mama“, flüstert Lilli, „und unser Nest? Ist das jetzt ganz allein?“ „Es wartet“, sagt Mama. „Jedes Jahr wartet es. Und jedes Jahr kommen wir zurück.“ Opa schnarcht schon. Ganz leise. Wie ein kleiner Draht im Wind.

Weit, weit im Norden steht die alte Scheune im Mondlicht. Vielleicht liegt dort schon Schnee. Unter dem Dach sitzt das kleine Nest aus Lehm, leer und still. Es wartet. Bis zum Frühling.

Und hier, unter dem warmen Dach, schläft Lilli. Ganz leise summt sie noch einmal: „Sand … Schiff … Draht … Scheune …“ Dann ist sie still. Kein Flügelschlag mehr. Nur Ruhe. Gute Nacht, Lilli. Gute Nacht, altes Nest.

Ende. Gute Nacht!