Gute-Nacht-Geschichte
Klara hat acht Arme
- ab 5 Jahren
- ca. 5 Min. vorlesen
- 6 Min. anhören
- 16 Seiten
- Fantasy
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Die Geschichte zum Vorlesen

Jeden Abend will das ganze Riff von Klara umarmt werden. Klara ist ein Krake. Sie ist rot wie eine Erdbeere, weich wie Pudding und furchtbar müde. Sie will nur noch in ihre Höhle. Da ruft es schon: „Klara! Gute-Nacht-Umarmung!“

Klara lächelt. Sie hat ja genug Arme. Sie zählt: „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht – Klara sagt: Gute Nacht!“ Acht Arme, jeder mit vielen kleinen Saugnäpfen. Das reicht doch für alle. Oder?

Zuerst kommt Senta, das Seepferdchen. Sie wickelt ihren Ringelschwanz um Klaras Arm. Hach! Dann kommt Knut, der Krebs. „Zwei Arme für mich“, sagt Knut. „Ich hab ja auch zwei Scheren.“ Knips, knips! Das kitzelt.

Dann kommen drei Streifenfische. Und ganz langsam kriecht Stella heran, der Seestern. Klara umarmt einen nach dem anderen. Aber als sie bei Stella ist, steht Senta schon wieder da. „Nochmal!“ Und Knut auch. „Nochmal!“

„Alle auf einmal!“, ruft Klara. „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht …“ Da packt jeder irgendeinen Arm. Zwei Fische zerren am selben. Knut hängt an dreien. Und ein Arm winkt ganz allein herum.

„Meiner!“ – „Nein, meiner!“ – „Das ist MEIN Lieblingsarm!“ Alle ziehen. Klara wird lang und länger und dünn wie eine Nudel. Vor Schreck wird sie ganz weiß. Kraken können das. Ihre Farbe zeigt, wie sie sich fühlen.

„Dann eben ganz schnell!“ Klara dreht sich wie ein Karussell und umarmt alle im Kreis herum. Wusch! Wusch! Wusch! Schneller und schneller. Die Fische jubeln. Senta wird schwindelig. Und dann macht es: Plopp.

Klara hat einen Knoten. Einen dicken Knoten aus acht Armen. Sie kommt nicht vor und nicht zurück. Klara wird knallrot. Die anderen kichern. Dann zupfen sie ganz vorsichtig, bis der Knoten endlich aufgeht.

Jetzt ist Klara grau, ganz grau. Sie sinkt vor ihrer Höhle in den Sand. Alle acht Arme hängen schlapp herunter. „Alle wollen meine Arme“, flüstert sie. „Aber keiner fragt, ob ich auch eine Umarmung will.“

Es wird still im Riff. Senta schaut Knut an. Knut schaut die Fische an. Stella schaut auf ihre fünf Arme. Und Klara schaut auf ihre acht. Plötzlich zählt sie. Nicht ihre Arme. Ihre Freunde.

„Senta: einen. Knut: zwei, wegen der Scheren. Die drei Fische: drei. Stella: einen.“ Klara rechnet. „Das sind … sieben!“ Sie wird ganz rosa vor Freude. „Jeder bekommt seinen eigenen Arm. Jeden Abend denselben.“

Klara legt sich in ihre Höhle und breitet die Arme aus wie einen Stern. Senta kuschelt sich an Arm eins. Knut nimmt zwei und drei. Die Fische vier, fünf und sechs. Stella sieben. „Und acht?“, fragt Knut. „Acht ist besetzt.“

Das Wasser wird dunkelblau. Oben schaukelt der Mond auf den Wellen, und sein Licht wackelt bis hinunter in die Höhle. Senta seufzt. Knut knipst noch einmal, ganz leise. Die Fische schlafen mit offenen Augen. Fische haben keine Lider.

Klara wird langsam dunkler: erst rosa, dann lila, dann blau wie die Nacht. Kraken wechseln sogar im Schlaf die Farbe. Vielleicht träumen sie dabei. „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben …“, flüstert Klara.

Da ist noch Arm acht. Er liegt ganz allein im Sand. Klara schaut ihn an. Dann wickelt sie ihn um sich selbst. Ganz fest. Ganz warm. Eine Umarmung nur für Klara.

Kein Zerren. Kein Knoten. Kein „Nochmal!“. Nur ein leises Blubbern im dunklen Riff. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht … Klara sagt: Gute Nacht.

Ende. Gute Nacht!