Gute-Nacht-Geschichte
Otto wird langsam
- ab 6 Jahren
- ca. 5 Min. vorlesen
- 5 Min. anhören
- 16 Seiten
- Ölgemälde
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Die Geschichte zum Vorlesen

Otto liegt schon wieder in der Sonne. Früher war Otto der schnellste Hund der ganzen Straße. Jetzt ist seine Schnauze grau, und er schläft fast den ganzen Tag. Jana steht mit seinem Ball vor ihm. „Spielst du mit mir?“ „Hmpf“, macht Otto.

„Otto ist dreizehn“, sagt Mama. „Für einen Hund ist das schon ziemlich alt. So alt wie ein Opa.“ Jana schaut Otto an. Ein Opa mit Schlappohren. Und mit einem Schwanz, der immer noch wedelt, wenn er Jana sieht. Ein bisschen wenigstens.

Jana probiert es mit einem Stöckchen. „Hol’s, Otto! Hol’s!“ Sie wirft es, so weit sie kann. Das Stöckchen fliegt über den Rasen und landet im Rosenbusch. Otto schaut ihm nach. Lange. Dann schaut er Jana an. „Hmpf.“

Also holt Jana das Stöckchen selbst. Dann wirft sie es noch einmal und holt es wieder selbst. Und noch einmal. Mama lacht aus dem Küchenfenster. „Wer trainiert hier eigentlich wen?“ Otto gähnt so groß, dass man alle Zähne sieht.

„Dann eben ein Wettrennen!“ Jana stellt sich neben Otto. „Auf die Plätze, fertig, los!“ Jana flitzt einmal ums ganze Haus herum. Als sie zurückkommt, ist Otto gerade erst bis zum Gartentor gekommen. Dort schnuppert er an einer Pusteblume.

„Otto! Du musst rennen!“ Otto setzt sich hin. Ganz langsam, erst hinten, dann vorne. Neben ihm steht Mama vom Beet auf, und ihre Knie knacken. „Hmpf“, macht Otto. „Knack“, machen Mamas Knie. Jana muss ein kleines bisschen lachen.

Jana hat einen Plan. Sie holt Ottos alte Quietsche-Ente, sein allererstes Spielzeug. Wenn Otto die sieht, wird er bestimmt wieder jung! Quietsch! Quietsch! Otto hebt den Kopf. Er wedelt. Einmal. Zweimal.

Dann legt er die Schnauze auf die Ente wie auf ein Kissen. Und schläft ein. Mitten am Nachmittag. Mitten im Quietschen. Jana setzt sich ins Gras. „Du magst mich nicht mehr“, flüstert sie. „Du magst nur noch schlafen.“

Jana legt sich neben Otto ins Gras, ganz nah. Sie sagt nichts. Sie will nur bei ihm sein. Die Sonne wird schon orange. Da stupst etwas gegen ihre Hosentasche. Eine feuchte, graue Schnauze. Schnüff, schnüff.

In der Tasche steckt noch ein Hundekeks von heute Morgen. Otto hat ihn gerochen. Durch den Stoff! Mit geschlossenen Augen! „Deine Beine sind langsam“, sagt Jana. „Aber deine Nase ist superschnell!“ Da hat sie eine Idee.

Jana versteckt fünf Hundekekse im Wohnzimmer: unterm Kissen, im Schuh, hinter der Gießkanne, im Korb und einen in Mamas Hausschuh. „Such, Otto!“ Otto schnüffelt gemütlich los. Schnüff, schnüff. Er findet alle fünf. Den im Hausschuh zuerst.

Danach bürstet Jana Otto, ganz lange, vom Kopf bis zum Schwanz. Otto brummt vor Glück und macht die Augen schmal. Am Ende liegt neben ihm ein Fellhaufen, so groß wie ein kleiner Hund. „Jetzt haben wir zwei Ottos“, kichert Jana.

Am Abend liest Jana Otto vor. Sie liest langsam, so wie Otto jetzt alles macht. Otto legt den Kopf auf ihren Fuß. Bei der spannendsten Stelle schnarcht er. Jana lässt ihn schnarchen. Sie liest trotzdem bis zum Ende. Für ihn.

Dann ist Schlafenszeit. Otto darf heute neben Janas Bett schlafen, auf seiner alten Decke. Mama macht das große Licht aus und lässt nur die kleine Lampe an. „Ich bin heute deine Schlafwächterin“, flüstert Jana. „Ich pass auf dich auf.“

Otto atmet tief und langsam, ein und aus. Seine Pfoten zucken ein bisschen. Er rennt im Traum, ganz schnell, so schnell wie früher, über eine riesige Wiese. Jana lächelt. Im Traum ist Otto immer noch der Schnellste.

Draußen ist es dunkel. Drinnen ist es warm. Jana lässt eine Hand auf Ottos Fell liegen. Ihre Augen werden schwer. Die Schlafwächterin schläft ein. „Hmpf“, macht Otto, ganz leise, ganz langsam. Und Jana auch.

Ende. Gute Nacht!