Gute-Nacht-Geschichte
Der Ring am Beckenboden
- ab 7 Jahren
- ca. 6 Min. vorlesen
- 7 Min. anhören
- 16 Seiten
- Anime
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Die Geschichte zum Vorlesen

Am Samstag ist die Seepferdchen-Prüfung, und Tarek kann fast alles. Vom Beckenrand springen: platsch, kann er. Fünfundzwanzig Meter schwimmen: kann er, mit viel Gespritze. Nur eins kann er nicht: den gelben Ring vom Boden holen. Da unten, wo das Wasser bis zur Schulter geht. „Luft holen. Augen auf. Und runter!“, ruft Frau Kaya.

Tarek holt Luft, kneift die Augen zu und taucht. Er tastet und tastet. Da! Etwas Weiches. Er packt zu und schießt nach oben. „Tarek“, sagt Frau Kaya freundlich, „das ist mein großer Zeh.“ Alle Kinder lachen. Tareks Ohren werden so rot wie Frau Kayas Trillerpfeife.

Am Abend steht Tarek im Badezimmer, in Badehose. „Training“, sagt er ernst. Papa lässt Wasser in die Wanne und setzt sich auf den Hocker. Auf dem Wannenboden liegt ein Tauchring, gelb wie der in der Halle. „Luft holen. Augen auf. Und runter!“, sagt Papa.

Tarek legt das Gesicht ins Wasser. Die Augen kneift er zu, so fest er kann. Und dann läuft ihm Wasser in die Nase. Es brennt und kitzelt. „Prrrust!“ Er schießt hoch, hustet und niest gleichzeitig. Papa reicht ihm das Handtuch. „Das war schon mal nass“, sagt er. „Sehr nass.“

Am nächsten Abend will Papa es vormachen. Er krempelt die Ärmel noch höher, kniet sich vor die Wanne und steckt den ganzen Kopf ins Wasser. Blubb. Er bleibt lange unten. Sehr lange. Dann taucht er auf, der Schnurrbart tropft wie ein nasser Pinsel. „Siehst du? Ganz einfach.“

Tarek guckt ihn misstrauisch an. „Hattest du die Augen auf?“ Papa wischt sich übers Gesicht. „Ehrlich gesagt … nein.“ Dann flüstert er: „Ich hab mein Seepferdchen erst mit neun gemacht. Beim dritten Versuch.“ Tarek starrt ihn an. Papa, der größte Mann der Welt. Mit neun!

Am Freitagabend hat Tarek einen Plan. Wer nicht tauchen will, muss eben angeln. Er sitzt in der Wanne, streckt das Bein aus und tastet mit den Zehen nach dem Ring. Daneben, daneben … hab ihn! Wie ein Affe hebt er ihn mit dem Fuß aus dem Wasser. „Tadaa!“

Mama steckt den Kopf zur Tür herein. Sie guckt auf den Ring. Sie guckt auf den Fuß. „Sehr elegant“, sagt sie. „Aber in der Prüfung heißt es: mit den Händen.“ Tarek lässt den Ring fallen. Plopp. Er sinkt auf den Boden. Und Tareks Mut gleich mit.

Tarek sitzt im Wasser und rührt sich nicht. „Ich geh morgen nicht hin“, sagt er. „Ich bin der Einzige, der’s nicht kann.“ Mama setzt sich auf den Wannenrand. Papa lehnt in der Tür. Keiner sagt: „Du schaffst das.“ Sie bleiben einfach da. Das Wasser wird langsam still.

So still, dass Tarek leise vor sich hin summt. Mmmmm. Seine Nasenspitze hängt dabei im Wasser, und – blubb – es blubbert. Tarek hält inne. Wenn Luft aus der Nase rauskommt, denkt er, dann kann doch kein Wasser rein. Oder? Er holt tief Luft.

Er summt. Und taucht. Mmmmm – Blasen kitzeln an der Nase, aber kein Wasser kommt rein. Ganz langsam macht Tarek ein Auge auf. Dann das andere. Es pikst ein winziges bisschen. Alles ist grünblau und wackelig. Die Lampe schwimmt wie ein Mond. Und da liegt der Ring, gleich neben seiner Hand.

Tarek packt zu und schießt hoch. „Ich hab ihn!“ Mama jubelt. Papa jubelt. Dann gucken alle auf Tareks Hand. Darin hängt … der Stöpsel. Gluck, gluck, gluck, macht die Wanne und wird leer. Tarek lacht so sehr, dass er Schluckauf bekommt. Papa lässt Wasser nach. Beim nächsten Mal ist es der Ring. Mit den Händen.

Dann ist Schluss mit Training. Mama wickelt Tarek in das große Handtuch, warm wie ein Brötchen aus dem Ofen. Er zieht seinen Schlafanzug an. Zusammen packen sie die Schwimmtasche für morgen: Badehose, Handtuch, Duschgel. Und ganz oben, als Glücksbringer: Tareks gelber Ring.

Im Kinderzimmer brennt nur noch die kleine Lampe. Papa setzt sich auf die Bettkante. „Und?“, fragt er. „Wie sieht Wasser von unten aus?“ Tarek überlegt. „Grünblau“, sagt er. „Und wackelig. Und ganz leise.“ Papa nickt. „Das wusste ich mit sieben noch nicht.“ Er macht das Licht aus.

Tarek liegt im Dunkeln und atmet. Ein und aus. Er stellt sich vor, er liegt ganz unten im Becken, und über ihm schwimmt das Licht wie ein Mond. „Luft holen“, flüstert er. „Augen auf. Und summen.“ Mmmm. Aber die Augen gehen von ganz allein zu.

Morgen holt er den Ring: mit offenen Augen, mit beiden Händen und mit einem leisen Summen. Aber das ist morgen. Jetzt ist alles still. Die Schwimmtasche wartet an der Tür. Im Flur flüstern Mama und Papa. Und Tarek schläft, so ruhig wie das Wasser ganz unten.

Ende. Gute Nacht!