Gute-Nacht-Geschichte
Der Zahn, der nicht gehen wollte
- ab 7 Jahren
- ca. 5 Min. vorlesen
- 5 Min. anhören
- 8 Seiten
- Buntstift
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Die Geschichte zum Vorlesen

Carlas Zahn wackelt. Unten vorne, der kleine weiße. Schon seit zwei ganzen Wochen. Carla ist gründlich: Jeden Morgen prüft sie ihn mit der Zunge. Wackelt er? Ja. Ist er raus? Nein. In ihrer Klasse hat fast jeder schon eine Lücke. Bo hat sogar drei. Er kann durch die Lücke pfeifen und Spaghetti einsaugen, ohne die Lippen zu bewegen. Jeden Morgen seufzt Carla dasselbe: „Wackel, wackel, kleiner Zahn – wann fängst du endlich an?“

„Beiß in einen Apfel“, sagt Papi beim Frühstück. „Davon fallen Wackelzähne raus. Ich schwör’s.“ Carla nimmt den größten, knackigsten Apfel aus der Schale. Sie beißt hinein. Krach! Der Apfel hat ein Loch. Krach! Der Apfel hat zwei Löcher. Nach dem zwölften Biss ist vom Apfel nur noch das Kerngehäuse übrig. Der Zahn ist noch da und wackelt fröhlich weiter. „Wackel, wackel, kleiner Zahn“, murmelt Carla mit vollem Mund, „wann fängst du endlich an?“

„Früher“, sagt Papa, „hat man einen Faden um den Wackelzahn gebunden und das andere Ende an die Türklinke. Dann – rumms! – Tür zu, Zahn raus.“ Carla holt einen roten Faden und knotet ihn an die Klinke. Das andere Ende hält sie an ihren Zahn. Sie schaut den Faden an. Sie schaut die Tür an. Dann lässt sie los. „Nee“, sagt sie. „Mein Zahn soll von selbst gehen. Nicht mit Rumms.“ Papa nickt. „Gute Entscheidung. Bei mir hat das auch nie geklappt.“

Am Nachmittag versucht Carla alles, was ohne Rumms geht. Sie hüpft auf dem Trampolin, bis ihr ganz schwindelig ist und der Garten sich dreht. Sie hängt kopfüber an der Kletterstange. Sie schneidet vor dem Spiegel die schlimmste Grimasse der Welt. Wackel, wackel, macht der Zahn. Mehr passiert nicht. Am Abend wirft sie sich aufs Sofa. „Alle anderen dürfen eine Lücke haben, nur ich nicht!“, schimpft sie. „Wackel, wackel, kleiner Zahn – du fängst ja nie an!“

Papa setzt sich zu ihr und malt etwas auf einen Zettel: einen kleinen Zahn. Und darunter, tief im Kiefer versteckt, einen zweiten, größeren. „Was glaubst du“, fragt er, „wer da unten wartet?“ Carla schaut lange auf den Zettel. „Ein neuer Zahn?“ Papa nickt. „Er wächst und schiebt, ganz langsam. Wenn er so weit ist, macht der alte Platz.“ Carla denkt nach. Dann flüstert sie in ihren Mund hinein: „Okay. Du darfst gehen, wenn der Neue so weit ist. Ich warte.“

Zum Abendbrot macht Papi Pfannkuchen, Carlas Lieblingsessen. Und weil Carla vom Warten ein bisschen müde aussieht, macht er sein berühmtes Gemüsegesicht: zwei Gurkenscheiben auf die Augen, eine Möhre unter die Nase. „Guten Abend, gnädiges Fräulein“, näselt er. Carla lacht. Sie lacht so sehr, dass sie in den weichen Pfannkuchen beißt – und plopp. Auf ihrem Teller liegt etwas Kleines, Weißes. „MEIN ZAHN!“ Carla staunt. „Er ist gegangen, als ich nicht mehr gezogen hab.“

Carla rennt zum Spiegel. Da ist sie, die Lücke! Ganz klein und ein bisschen kitzelig. Papa holt eine winzige Dose mit Watte, und Carla legt ihren Zahn hinein, so vorsichtig, als wäre er aus Glas. Dann schreibt sie einen Brief an die Zahnfee: „Liebe Zahnfee, das ist mein erster. Er war sehr geduldig. Ich auch. Fast. Bitte nicht klingeln, ich schlafe schon.“ Papi liest über ihre Schulter mit und nickt ernst. „Sehr höflich.“

Im Bett schiebt Carla die Zungenspitze in die Lücke und probiert zu pfeifen: fffiiiep. Es klappt! Ein bisschen. Papa und Papi geben ihr einen Gute-Nacht-Kuss, einer links und einer rechts. Unter dem Kopfkissen liegt die kleine Dose mit dem Brief. Carla will wach bleiben und die Zahnfee sehen. Aber ihre Augen sind schon so schwer. „Wackel, wackel, kleiner Zahn …“, flüstert sie, und dann nichts mehr. Unter der Lücke wartet der Neue, ganz still. Er hat ja Zeit.

Ende. Gute Nacht!