Gute-Nacht-Geschichte
Die Zeitkapsel
- ab 7 Jahren
- ca. 6 Min. vorlesen
- 7 Min. anhören
- 16 Seiten
- Aquarell
Kostenlos und ohne Anmeldung. Das Buch öffnet sich auf dem Schreibtisch – „Vorlesen lassen“ startet die Erzählstimme.
Die Geschichte zum Vorlesen

„Wir ziehen weg“, sagt Aylin. „Nach Kiel. Ans Meer.“ Smilla lässt fast den Korb fallen. Der Korb hängt an einer Schnur zwischen ihren Balkonen, und seit Jahren schicken sie sich damit alles hin und her: Kekse, Zettel, Haargummis, einmal sogar eine Schnecke. „Wann?“, fragt Smilla. „Am Samstag.“

Kiel ist sieben Stunden weit weg, mit dem Zug. Smilla rechnet nach: Das ist weiter als bis zu Oma. Weiter als bis zum Zoo. Viel weiter als ein Korb an einer Schnur. Die beiden machen ihren Klatschspruch, wie immer: „Klatsch, klatsch, Hand in Hand – Freundinnen in jedem Land.“ Aber heute klingt er komisch.

Smilla hat einen Plan. Sie räumt ihren Kleiderschrank aus und macht ihn gemütlich: ein Kissen, eine Taschenlampe, eine Dose Kekse. „Du wohnst einfach hier drin“, sagt sie. „Heimlich. Ich bring dir jeden Tag Essen.“ Aylin probiert den Schrank aus. Er riecht nach Socken und Abenteuer.

„Und wenn ich aufs Klo muss?“, fragt Aylin aus dem Schrank. Smilla überlegt. „Nachts.“ „Und wenn meine Mama mich sucht?“ Smilla überlegt länger. „Die sucht bestimmt nur in Kiel.“ Aylin kichert so sehr, dass der Schrank wackelt. Dann wird sie still. „Ich glaub, das merkt sie, Smilla.“

Am Donnerstag stapeln sich bei Aylin die Umzugskartons. Smilla schleicht hinüber und versteckt die Klebebandrolle hinter dem Sofa. Ohne Klebeband keine Kisten, denkt sie. Ohne Kisten kein Umzug. Zufrieden setzt sie sich auf das Sofa, genau über das Versteck, und macht ein ganz unschuldiges Gesicht.

Aylins Papa sucht das Klebeband. Unterm Tisch, im Flur, im Kühlschrank. Dann zuckt er mit den Schultern, öffnet einen Karton und holt eine neue Rolle heraus. Und noch eine. „Beim Umziehen“, sagt er und zwinkert, „hat man immer sieben Rollen Klebeband.“ Smilla sinkt tief ins Sofa.

Am Freitag sagt Smilla etwas Schlimmes. Aylin zeigt ihr ein Foto vom neuen Zimmer in Kiel, mit Blick aufs Meer. Da platzt es aus Smilla heraus: „Dann geh doch! Dann bin ich eben jetzt schon nicht mehr deine Freundin!“ Sie rennt in den Hof und knallt die Haustür zu.

Unter der großen Kastanie im Hof sitzt Smilla und ist wütend. Wütend auf Kiel. Wütend aufs Meer. Wütend auf sieben Rollen Klebeband. Eine Kastanie fällt ihr vor die Füße, plock. Sie ist glatt und braun und glänzt. Smilla steckt sie ein. Und dann ist sie gar nicht mehr wütend. Nur noch traurig.

Am Abend steht ein großer Umzugswagen vor dem Haus. Aylins Balkon ist leer, die Gardinen sind weg. Nur der Korb hängt noch an der Schnur und schaukelt im Wind. Smilla sitzt am Fenster. Morgen ist Aylin weg. Und das Letzte, was Smilla zu ihr gesagt hat, war etwas Schlimmes.

Smilla dreht die Kastanie in der Hand. Glatt und braun, wie damals im Herbst, als sie sich kennengelernt haben. Da hat sie eine Idee. Ein Ding, das man vergräbt, muss man wieder ausgraben. Und ausgraben kann man es nur hier. Smilla springt auf und holt die alte Keksdose.

Sie schreibt einen Zettel, legt ihn in den Korb und zieht. Quietsch, quietsch, rüber zu Aylin. Auf dem Zettel steht: „Tut mir leid. Zeitkapsel? Unter der Kastanie.“ Kurz ist es still drüben. Dann quietscht es zurück. Im Korb liegt Aylins Antwort: ein gemaltes Herz. Und ein Gummibärchen.

Im letzten Abendlicht graben sie ein Loch unter der Kastanie. In die Dose kommen: Smillas blaue Murmel, die glänzende Kastanie, zwei Briefe und das Gummibärchen. „Für später“, sagt Aylin. „In drei Jahren?“ „Dann ist es reif.“ Sie lachen, bis ihnen der Bauch wehtut. Wenn sie beide zehn sind, graben sie die Dose zusammen aus.

Am Samstagabend ist Aylins Balkon dunkel. Smilla trinkt Kakao mit Mama, ganz langsam, damit der Abend nicht so schnell vorbeigeht. Mama erzählt von ihrer besten Freundin aus der Schule. „Die wohnt jetzt in Spanien. Wir schreiben uns seit dreißig Jahren.“ „Dreißig?“ Smilla staunt. Das ist ja länger als ewig.

Im Bett zieht Smilla die Decke bis zum Kinn. Mama macht das Licht aus, nur die Sternenlampe glimmt. Da klingelt Mamas Telefon. „Für dich“, flüstert Mama. Es ist Aylin, ganz weit weg und ganz nah. „Smilla“, sagt sie. „Guck mal aus dem Fenster.“

Smilla kniet sich ans Fenster. Über dem Hof, über der Kastanie, steht der Mond, rund und hell. „Ich seh ihn“, flüstert Smilla. „Ich auch“, flüstert Aylin. „Über dem Meer.“ Derselbe Mond. Über Kiel und über der Kastanie. Ganz leise klatschen sie, jede für sich: Klatsch, klatsch, Hand in Hand …

… Freundinnen in jedem Land. Dann ist das Telefon still, und Smilla liegt wieder im Bett. Unten im Hof schläft die Dose unter der Kastanie. Drei Jahre lang wird sie warten. Smilla kann auch warten. „Gute Nacht, Aylin“, flüstert sie zum Mond. Und der Mond hört es zweimal.

Ende. Gute Nacht!