Geschichten erfinden mit Kindern: 10 Ideen ab 4 Jahren
Ein Kind, das Geschichten erfindet, braucht kein Material und keinen Plan – nur jemanden, der zuhört und ab und zu fragt: „Und dann?“ Trotzdem hilft manchmal ein kleiner Anstoß, gerade an Abenden, an denen allen nichts einfällt.
Hier sind zehn Ideen, die ihr ohne Vorbereitung ausprobieren könnt. Die meisten brauchen keinen Bildschirm, und einige passen wunderbar ins Abendritual.
Drei Regeln vorweg
Alles darf. Ein Pinguin in der Wüste, ein Bagger mit Schluckauf: In erfundenen Geschichten gibt es keine falschen Ideen.
Nachfragen statt übernehmen. „Und was passiert dann?“, „Wer könnte helfen?“ Eure Fragen helfen beim roten Faden, die Antworten gehören eurem Kind. Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit rät ausdrücklich dazu, Kinder beim Vorlesen und Erzählen unterbrechen, fragen, kommentieren und Geschichten weiterspinnen zu lassen (kindergesundheit-info.de).
Nicht verbessern. Wenn die Geschichte springt oder der Held plötzlich anders heißt, ist das in Ordnung. Ständiges Verbessern nimmt schnell die Erzählfreude – darauf weist auch die Stiftung Lesen hin.
Ideen für zwischendurch
1. Die Geschichtenkiste. Legt ein paar Dinge in eine Schachtel: einen Löffel, einen Knopf, ein Spielzeugauto, einen Stein. Euer Kind sucht sich drei davon aus und baut sie in eine Geschichte ein. Die Stiftung Lesen beschreibt solche „Schachtelgeschichten“ als Erzählspiel für Kitas (Stiftung Lesen, Literacy-Werkstatt), zu Hause funktionieren sie genauso. Wie viele Geschichten in kleinen Dingen stecken, zeigt auch „Oma Nellis Knopfdose“: Dort erzählt jeder Knopf eine Familiengeschichte.
2. Das Kuscheltier erzählt. Was hat der Teddy heute erlebt, während euer Kind in der Kita war? Jüngere Kinder erfinden ihre Geschichten oft rund um Personen und Dinge, die gerade da sind – das Kuscheltier im Arm ist dafür ideal. Ganz frei erfundene Fantasiegeschichten gelingen laut Stiftung Lesen meist ab etwa fünf Jahren.
3. Was wäre, wenn …? Was wäre, wenn die Katze sprechen könnte? Wenn es Pfannkuchen regnet? Wenn ein Schatten Angst im Dunkeln hätte? So eine kleine Umkehrung trägt eine ganze Geschichte: In „Tildas Schatten hat Angst im Dunkeln“ fürchtet sich nicht Tilda, sondern ihr Schatten.
4. Die Geschichte andersherum. Ein bekanntes Märchen aus der Sicht des Wolfs, Rotkäppchen mit Fahrrad, die Bremer Stadtmusikanten auf dem Mond: Wer eine vertraute Geschichte verändert, muss nicht bei null anfangen. Das ist ein guter Einstieg für Kinder, die sagen: „Mir fällt nichts ein.“
5. Erst malen, dann erzählen. Euer Kind malt ein Bild und erzählt dann, was darauf passiert – und was gleich danach passiert. Auch Wimmelbücher eignen sich gut: Auf jeder Seite warten Dutzende Figuren darauf, dass jemand ihre Geschichte erzählt.
Ideen fürs Bett – ganz ohne Bildschirm
6. Satz für Satz. Ihr fangt an: „Es war einmal ein Igel, der nicht einschlafen konnte.“ Euer Kind sagt den nächsten Satz, dann wieder ihr. Wer müde wird, darf sagen: „Und dann schliefen alle ein.“ Morgen Abend geht es weiter – mit der Frage, was bisher geschah.
7. Der Tag als Abenteuer. Was war heute das Abenteuer? Aus dem Weg zum Bäcker wird eine Expedition, aus dem Streit auf dem Spielplatz ein Drachenkampf mit gutem Ende. Vom eigenen Erlebten zu erzählen ist übrigens anspruchsvoller, als es klingt: Laut Stiftung Lesen gelingt das ab dem vierten Lebensjahr Schritt für Schritt, und bis ins Grundschulalter brauchen Kinder dabei Unterstützung. Fragen wie „Wer war dabei?“ und „Was kam zuerst?“ helfen.
8. Die Lückengeschichte. Beim Vorlesen eines bekannten Buchs hört ihr mitten im Satz auf: „Und dann sagte der Bär …“ Euer Kind ergänzt, gern ganz anders als im Buch. Das lohnt sich: Eine Auswertung von 16 Studien zum sogenannten dialogischen Vorlesen zeigt, dass Kinder, die beim Vorlesen aktiv mitreden, ihren aktiven Wortschatz stärker erweitern als beim bloßen Zuhören – am deutlichsten bei den Jüngsten (Mol u. a., 2008).
9. Was machen die Spielsachen nachts? Wenn alle schlafen, wachen im Kinderzimmer vielleicht die Spielsachen auf. Was haben sie heute Nacht vor? In „Bolt und die Mondrakete“ bauen ein Spielzeugroboter und ein Teddy aus Bauklötzen eine Rakete. Lest die Geschichte vor und fragt dann: Wohin fliegen deine Spielsachen?
Wenn eine Idee bleiben soll
10. Aus der Idee wird ein Buch. Manche Geschichten möchte ein Kind behalten. Dann schreibt ihr sie Wort für Wort auf, so wie euer Kind sie erzählt, und lest jeden Satz gleich laut vor. Die Stiftung Lesen nennt das Kinderdiktat. Daneben bleibt Platz für Bilder, und fertig ist das erste eigene Heft.
Wer mag, macht daraus ein richtiges Bilderbuch. In der 3D-Bücherei von GuteNachtBuch.de erzählt euer Kind seine Idee – aufgeschrieben oder eingesprochen –, und daraus entsteht ein gemaltes Buch, das vorgelesen wird. Mit der Mitgliedschaft „Traumautoren“ geht das immer wieder. Beim interaktiven Abenteuer entscheidet euer Kind sogar zwischendurch selbst, wie es weitergeht. Zeichnungen auf Papier können außerdem zu einem Buch für die Community werden. Den Bildschirm-Teil erledigt ihr am besten tagsüber und gemeinsam, fürs Bett ist die erzählte oder ausgedruckte Geschichte die ruhigere Wahl. Mehr dazu lest ihr in „Kinder und KI: Kreativ gestalten statt nur konsumieren“.
Und wenn heute nichts kommt?
Dann erzählt ihr. Nicht jeder Abend muss ein Erfinder-Abend sein, und auch Zuhören ist Übung. Wer viele Geschichten hört, hat irgendwann selbst welche. Warum sich das lohnt, steht in „Kinder als Autoren“.