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Kinder als Autoren: Warum eigene Geschichten so viel zählen

11. Oktober 2026 · 4 Min. Lesezeit

„Und dann kam ein Drache, der Angst vor Pfannkuchen hatte.“ Solche Sätze fallen beim Frühstück, im Auto oder kurz vor dem Einschlafen. Kinder erfinden ständig Geschichten – oft, ohne dass wir es merken. Sie spielen sie mit Bauklötzen nach, flüstern sie dem Kuscheltier zu oder beginnen mit einer Frage: „Was wäre, wenn …?“

Wer da genauer hinhört, entdeckt eine kleine Autorin oder einen kleinen Autor. Was Kinder beim Erfinden üben, was die Forschung dazu sagt und wie ihr sie ohne großen Aufwand unterstützen könnt, erzählen wir hier.

Erzählen ist Sprache in Bewegung

Wer eine Geschichte erzählt, muss vieles gleichzeitig schaffen: Figuren einführen, eine Reihenfolge finden, Gefühle in Worte fassen und daran denken, was die Zuhörer schon wissen und was noch nicht. Das ist anspruchsvoll – und genau deshalb gute Übung.

Eine Langzeitstudie hat 58 Kinder von ihrem 19. Lebensmonat bis zum Alter von 16 Jahren begleitet. Kinder, die rund um den Schulstart gut erzählen konnten, verstanden zehn Jahre später Texte besser – auch wenn man den frühen Wortschatz der Kinder und ihrer Mütter herausrechnete (Suggate u. a., 2018). Das ist ein Zusammenhang, kein Versprechen: Erzählen allein macht aus keinem Kind einen Leseprofi. Aber es gehört zu dem Fundament, auf dem das Lesen später aufbaut.

Fantasie wächst mit Übung

Beim Erfinden darf alles anders sein: Der Mond hat Schnupfen, der Hund kann fliegen, und das Kind selbst ist mutiger als im echten Leben. In einer Geschichte lassen sich auch Gefühle ausprobieren, die im Alltag zu groß sind – Wut, Angst, ein bisschen Heimweh –, und zwar aus sicherer Entfernung.

Kreativität ist dabei nicht nur eine Frage von Talent. Als die OECD bei PISA 2022 zum ersten Mal das kreative Denken von 15-Jährigen getestet hat, gehörte zu den Aufgaben zum Beispiel, eine interessante Idee für eine Geschichte zu entwickeln oder ein Gespräch zwischen zwei Figuren zu erfinden. Die OECD beschreibt kreatives Denken als Fähigkeit, die sich durch Übung entwickeln lässt (OECD, PISA in Focus 2024). Geübt wird lange vor der Schule – am Küchentisch und auf der Bettkante.

„Meine Idee zählt“

Für viele Kinder ist es ein besonderer Moment, wenn ein Erwachsener ihre Worte aufschreibt. Plötzlich steht da, was sie gesagt haben, schwarz auf weiß und zum Wiederlesen. Die Stiftung Lesen beschreibt solche „Kinderdiktate“ in ihren Praxisideen für Kitas: Kinder erleben dabei den Übergang vom Erzählen zum Aufschreiben und spüren, dass ihre Überlegungen wertgeschätzt werden (Stiftung Lesen, Literacy-Werkstatt).

Das Gefühl, mit dem eigenen Tun etwas bewirken zu können, nennen Fachleute Selbstwirksamkeit. Eine selbst erfundene Geschichte, die aufgeschrieben, vorgelesen oder sogar zum Buch wird, macht dieses Gefühl greifbar: Ich hatte eine Idee – und jetzt gibt es sie wirklich.

Eigene Geschichten machen Lust aufs Lesen

Kinder lesen gern, was sie interessiert, und kaum etwas interessiert sie mehr als ihre eigene Geschichte. Ein Heft, in dem der Pfannkuchen-Drache steht, wird oft wieder und wieder angeschaut, irgendwann vielleicht mit dem Finger unter den Wörtern.

Das ist mehr als eine nette Nebensache. Bei PISA 2025 zeigte rund ein Drittel der 15-Jährigen in Deutschland nur sehr eingeschränkte Lesekompetenzen, und laut der Grundschulstudie IGLU verlässt etwa jedes vierte Kind die Grundschule, ohne ausreichend gut lesen zu können. Die Stiftung Lesen betont, dass Leseförderung lange vor der Einschulung beginnen muss, etwa mit täglichem Vorlesen in der Familie, und rät, Kinder mitbestimmen zu lassen, was sie lesen (Stiftung Lesen zu PISA 2025).

So unterstützt ihr kleine Autorinnen und Autoren

Zuhören, ohne zu verbessern. „Der Drache hatte Angst vor Pfannkuchen“ ist kein Fehler, sondern eine Idee. Grammatik und Logik dürfen warten. Auch die Stiftung Lesen rät, beim Aufschreiben nicht zu korrigieren, damit die Erzählfreude bleibt.

Nachfragen statt vorgeben. „Und dann?“, „Wie hat sich der Drache gefühlt?“, „Wer hilft ihm?“ Solche Fragen helfen beim roten Faden, ohne dass ihr die Geschichte übernehmt.

Wort für Wort aufschreiben. Schreibt auf, was euer Kind erzählt, genau so, wie es das sagt. Lest jeden Satz gleich vor und fahrt dabei mit dem Finger unter den Wörtern entlang. So sieht euer Kind, wie aus Gesprochenem Geschriebenes wird.

Einen festen Platz geben. Ein Geschichtenheft, eine Kiste für Zeichnungen, ein Abend in der Woche, an dem euer Kind erzählt und ihr zuhört: Was einen festen Platz hat, wird ernst genommen.

Die Geschichte teilen. Oma bekommt ein Foto vom Heft, das große Geschwisterkind darf vorlesen. Kinder spüren meist, ob ihre Ideen nur „süß“ gefunden werden oder ob sie wirklich ankommen.

Ideen für den Anfang findet ihr in unseren 10 Ideen zum Geschichtenerfinden mit Kindern.

Vom Einfall zum eigenen Buch

Manche Geschichten möchte ein Kind unbedingt behalten. In der 3D-Bücherei von GuteNachtBuch.de kann aus so einer Idee ein eigenes Bilderbuch werden – und mit der Mitgliedschaft „Traumautoren“ auch immer wieder. Euer Kind bestimmt, wer mitspielt – vielleicht das Kuscheltier mit dem abgeliebten Ohr –, wo die Geschichte spielt und was passieren soll. Die Idee könnt ihr aufschreiben oder einfach einsprechen. Beim interaktiven Abenteuer entscheidet euer Kind sogar zwischendurch selbst, wie es weitergeht.

Aus der Idee eures Kindes formuliert eine KI die Sätze und malt die Bilder, eine Erzählstimme liest das Buch vor. Die Idee aber bleibt die eures Kindes. Am schönsten wird es, wenn ihr sie vorher gemeinsam ausgesponnen habt. Und wer lieber mit Stift und Papier arbeitet, kann aus den Zeichnungen seines Kindes ein Buch für die Community machen, das andere Familien lesen können.

Ob Heft, Zeichnung oder Bücherei: Das Wichtigste für kleine Autorinnen und Autoren ist jemand, der zuhört. Vielleicht wird der Pfannkuchen-Drache ja das nächste Buch im Regal.