Gute-Nacht-Geschichte
Der schwerste Rucksack der Welt
- ab 9 Jahren
- ca. 6 Min. vorlesen
- 6 Min. anhören
- 8 Seiten
- Bleistift
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Die Geschichte zum Vorlesen

Jonte weiß alles über Planeten. Er weiß, dass der Jupiter mehr als neunzig Monde hat und dass man auf dem Mars ganz leicht ist. Nur Brüche, die weiß er nicht. Am Freitag teilt Frau Brandt die Mathearbeiten aus, und oben rechts auf Jontes Blatt steht eine Fünf. Eine dicke, rote Fünf, die aussieht, als würde sie ihn auslachen. Jonte faltet das Blatt, bis es so klein ist wie eine Briefmarke, und schiebt es in den Rucksack, ganz nach unten. Niemand muss das wissen. Als er den Rucksack aufsetzt, kommt er ihm ein kleines bisschen schwerer vor.

Auf dem Heimweg wird der Rucksack mit jedem Schritt schwerer. An der Ampel fühlt er sich an wie voller Steine, an der Bäckerei wie voller Ziegel, vor der Haustür wie ein Klavier. Jonte schnauft die Treppe hoch, Stufe für Stufe, wie ein Bergsteiger ohne Sauerstoff. Papa steht in der Küchentür, Mehl an den Händen. „Und? Wie war’s?“ „Gut“, sagt Jonte. WUMMS. Der Rucksack plumpst auf den Boden, als hätte jemand noch einen Stein hineingelegt. Die Garderobe wackelt. „Was hast du denn da drin?“, fragt Papa. „Einen Elefanten?“ „Nur Bücher“, sagt Jonte.

Freitags ist Pizzaabend. Papa wirft den Teig in die Luft wie immer und fängt ihn fast wie immer. Er schneidet die Pizza in acht Stücke. Normalerweise ist das Jontes Lieblingsmoment der Woche. Aber heute schmeckt die Pizza nach Pappe. „Ach, habt ihr eigentlich die Mathearbeit zurückbekommen?“, fragt Papa. „Nö“, sagt Jonte. KNARZ. Im Flur ächzen die Dielen unter dem Rucksack, als stünde dort ein Kühlschrank. Papa schaut verwundert in den Flur. Jonte schaut auf seinen Teller und schiebt eine Olive von links nach rechts. Drei Stücke Pizza bleiben übrig. Das ist noch nie passiert.

Später ruft Oma an. „Na, mein Großer, alles gut in der Schule?“ „Alles gut“, sagt Jonte. KRACH! Im Flur reißt der Haken aus der Wand, und der Rucksack liegt am Boden wie ein schlafender Bär. In der Nacht liegt Jonte wach und starrt an die Decke. Was, wenn Papa enttäuscht ist? Und was, wenn Oma es merkt? Was, wenn er Brüche nie kapiert und deshalb nie Astronaut wird? Die Gedanken werden immer größer, genau wie der Rucksack. Um halb zwölf schleicht Jonte in den Flur und zieht am Griff. Der Rucksack bewegt sich keinen Millimeter.

In der Küche brennt noch Licht. Papa sitzt am Tisch über einem Kreuzworträtsel. Jonte bleibt in der Tür stehen. Sein Herz klopft bis in die Ohren. Dreimal hat er heute „gut“ gesagt. Jetzt sagt er etwas anderes. „Papa, ich hab eine Fünf geschrieben. In Mathe. Und ich hab’s dir nicht gesagt.“ Kaum sind die Wörter draußen, macht es hinter ihm im Flur ganz leise: pfffffff. Wie bei einem Luftballon. Papa schaut ihn lange an. Dann legt er den Stift weg. „Danke, dass du’s mir sagst“, sagt er. „Komm mal her.“

Papa holt eine alte Schuhschachtel vom Schrank und kramt darin herum. Fotos, Briefe, ein vergilbtes Zeugnis aus der vierten Klasse. Mathematik: 5. Und darunter, in schnörkeliger Schrift: „Lars stört den Unterricht durch anhaltendes Pfeifen.“ Jonte prustet so laut los, dass er sich die Hand vor den Mund halten muss. „Du hattest auch eine Fünf?“ „Nicht nur eine“, sagt Papa. „Bis ich gemerkt habe, dass man Brüche essen kann.“ Er holt die drei übrigen Pizzastücke aus dem Kühlschrank. „Wie viel ist das von der ganzen Pizza?“ Jonte überlegt. „Drei von acht Stücken. Drei Achtel.“ Papa nickt. „Und jetzt du.“

Jonte schiebt zwei Stücke zusammen. Das sieht aus wie ein Viertel Pizza. Daneben legt er das dritte Stück, ganz allein. Ein Achtel. Er schaut hin und her. Acht ist mehr als vier, das weiß er. Aber das Achtel ist kleiner! Und plötzlich macht es in seinem Kopf klick. „Je mehr Stücke, desto kleiner ist jedes“, sagt er langsam. Papa grinst bis über beide Ohren. Dann teilen sie die kalte Pizza, Achtel für Achtel, bis nur noch ein Krümel übrig ist. Dann auch der nicht. „Null Achtel“, sagt Papa. „Die beste Zahl des Abends.“

Bevor Jonte ins Bett geht, unterschreibt Papa die Arbeit, und zusammen schrauben sie den Haken wieder fest. Jonte hängt den Rucksack auf. Er wiegt fast nichts. Dabei ist die Fünf immer noch drin. Im Bett zieht Jonte die Decke bis zur Nase. Sein Bauch ist voller Pizza, sein Kopf voller Achtel und Viertel, aber das Rattern ist weg. Am Montag, denkt er, fragt er Frau Brandt, ob er die Arbeit berichtigen darf. Draußen fährt ein Auto vorbei, ganz leise. Im Flur hängt der Rucksack an seinem Haken und rührt sich nicht. Und Jonte schläft.

Ende. Gute Nacht!