Gute-Nacht-Geschichte
Als die Sterne zurückkamen
- ab 9 Jahren
- ca. 6 Min. vorlesen
- 6 Min. anhören
- 8 Seiten
- Ölgemälde
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Die Geschichte zum Vorlesen

Mats mag Pläne. Für seine Hausaufgaben hat er einen Plan, für sein Raumschiff aus Klemmbausteinen sogar drei. Es ist Donnerstagabend, kurz nach sieben. Mama kocht Nudeln, Ronja malt einen lila Hund, Mats baut. Das Radio dudelt, der Kühlschrank brummt. Da macht es: klick. Und alles ist dunkel. Das Radio schweigt. Der Kühlschrank schweigt. Sogar die Straßenlaterne vor dem Fenster ist aus. „Mama?“, fragt Ronja ganz dünn. „Ich bin hier“, sagt Mama ruhig. „Das ist nur ein Stromausfall. Bleibt sitzen, ich hole Kerzen.“ Für einen Stromausfall, merkt Mats, hat er keinen Plan.

Plan A: die Taschenlampe. Mats holt sie aus der Schublade und knipst sie an. Flacker, flacker – aus. Die Batterien sind natürlich leer. Plan B: Schattentiere. Im Kerzenlicht macht Mats mit den Händen einen Hasen an die Wand, einen ganz lieben. Aber der Schatten wird riesig und wackelt. „Der Hase hat Zähne!“, quiekt Ronja und klammert sich an seinen Arm. Mama stellt Brot, Käse und die Erdnussbutter auf den Tisch. „Heute gibt’s Abendbrot à la Stromausfall“, verkündet sie. Mats nickt tapfer und beißt in sein Brot. Ehrlich gesagt findet er die Schatten auch ein bisschen unheimlich.

Da klopft es an der Tür. Dreimal, ganz sanft. Vor der Tür steht Herr Albrecht von nebenan, mit einer Kerze im Einmachglas und einer Thermoskanne. Herr Albrecht ist sehr alt und sehr groß und sagt im Treppenhaus sonst nur „Moin“. „Ich wollte nur sehen, ob bei Ihnen alles in Ordnung ist“, sagt er. „Ich habe Pfefferminztee dabei. Kapitänstee.“ Er hält zwei Tassen hoch und lächelt ein bisschen schief. „Zwei Tassen. Alte Gewohnheit.“ Da hat Mats plötzlich Plan C. Wenn es drinnen so dunkel ist – wie dunkel ist es dann draußen? Er reißt die Balkontür auf.

Und Mats bleibt der Mund offen stehen. Die ganze Stadt ist dunkel. Keine Laterne, kein Schaufenster, kein Leuchtschild. Nur ein paar Kerzen flackern hinter fremden Fenstern. Und darüber: Sterne. Nicht drei oder vier wie sonst, sondern Hunderte, Tausende, so viele, dass der Himmel aussieht wie mit Zucker bestreut. Quer darüber zieht ein heller, milchiger Streifen. „Die Milchstraße“, sagt Herr Albrecht leise hinter ihm. „Die ist jede Nacht da. Nur die Lichter der Stadt sind heller.“ Er schaut lange hinauf. „Die Sterne sind nicht weg. Sie sind nur hinter dem Licht.“

Herr Albrecht war früher Steuermann auf großen Schiffen. „Auf See habe ich mich nie verirrt“, sagt er. „Im Treppenhaus schon zweimal.“ Mama prustet in ihren Tee. Dann zeigt er auf sieben helle Sterne, die aussehen wie ein Wagen mit Deichsel. „Der Große Wagen. Nimm die beiden Sterne an der Rückwand des Wagens und verlängere ihre Linie über den oberen hinaus, ungefähr fünfmal so weit. Da steht der Polarstern. Er zeigt immer nach Norden. Wer den Norden kennt, verirrt sich nicht so leicht.“ Mats zielt mit dem Finger. Einmal, zweimal, dreimal, viermal, fünfmal. Da! Kein besonders heller Stern. Aber ein sehr treuer.

Nach und nach gehen auch auf den anderen Balkonen Türen auf. Kerzen flackern, Decken rascheln, jemand spielt ganz leise Gitarre. Die Studentin aus dem ersten Stock winkt herauf. So viele Nachbarn hat Mats in diesem Haus noch nie gesehen. Alle flüstern, als wären sie in einer Kirche. Ronja erfindet ihre eigenen Sternbilder: den Großen Kochtopf, die Schnecke mit Hut, den Lila Hund. Herr Albrecht nickt ernst. „Sehr genau beobachtet.“ Und erst nach einer ganzen Weile merkt Mats, dass Ronja seinen Arm längst losgelassen hat. Und dass er selbst gar nicht mehr an die Schatten denkt.

Dann macht es wieder: klick. Der Kühlschrank brummt, das Radio dudelt, die Laternen gehen an, und die Stadt leuchtet orange. Die Sterne verblassen, einer nach dem anderen. „Ooooch“, macht Ronja. „Jetzt sind sie weg!“ „Sind sie nicht“, sagt Mats leise. „Sie sind nur hinter dem Licht.“ Er geht hinein und knipst die Lampe im Wohnzimmer wieder aus. Herr Albrecht macht nebenan dasselbe. Dann die Studentin. Dann der Gitarrenmann. Ein Fenster nach dem anderen wird wieder dunkel, ganz ohne Worte. Und als sich ihre Augen ans Dunkle gewöhnt haben, sind die hellsten Sterne wieder da. Herr Albrecht nickt Mats zu. „Guter Plan, Steuermann.“

Später liegt Mats im Bett und schaut aus dem Fenster. Über den Dächern sucht er den Großen Wagen, die zwei Sterne an der Rückwand, fünfmal so weit. Da ist er, der Polarstern. Ganz blass über der orangefarbenen Stadt, man muss genau hinschauen. Aber er ist da. Mats denkt an die zwei Tassen von Herrn Albrecht. Morgen kommt er zum Abendbrot, das hat Mama versprochen. Dann ist die zweite Tasse für Mats. Die Sterne sind nicht weg, denkt Mats. Sie sind nur hinter dem Licht. Dann fallen ihm die Augen zu.

Ende. Gute Nacht!