Gute-Nacht-Geschichte
Kopilotin der Nacht
- ab 11 Jahren
- ca. 6 Min. vorlesen
- 7 Min. anhören
- 8 Seiten
- Anime
Kostenlos und ohne Anmeldung. Das Buch öffnet sich auf dem Schreibtisch – „Vorlesen lassen“ startet die Erzählstimme.
Die Geschichte zum Vorlesen

Um 2:58 Uhr rüttelt mich jemand an der Schulter. „Kopilotin Lou“, flüstert Papa. „Dienstbeginn.“ Ich bin sofort hellwach, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Ich habe sowieso kaum geschlafen, wegen der neuen Schule, aber dazu später. Wir fahren in den Urlaub, ans Meer nach Italien, und Papa sagt, man fährt nachts, weil dann die Straßen leer sind und die Kleinen schlafen. Mit den Kleinen meint er Pelle, der vier ist. Und Mama, die zwar nicht klein ist, aber gestern Nachtschicht im Krankenhaus hatte. Pelle wird im Schlafanzug ins Auto getragen und wacht nicht mal auf. Und ich sitze zum ersten Mal vorne. Auf dem Platz der Kopilotin. Mit Sitzerhöhung, aber das zählt nicht.

Die Autobahn ist fast leer. Nur unsere Scheinwerfer, die weißen Striche, die unter uns verschwinden, und ab und zu ein Lastwagen, der leuchtet wie ein Weihnachtsbaum. Papa hat mir meine Aufgaben erklärt: Gummibärchen verteilen, Schilder vorlesen und ihm Gesellschaft leisten. „Kopilotinnen“, sagt er, „sehen, was andere verschlafen.“ Also rede ich und rede. Über Pelles Dinosaurier, über Mamas Schnarchen, über die Frage, ob Fische schlafen. Tun sie, mit offenen Augen, sagt Papa. Ich weiß nicht, ob er das nur erfindet, aber ich glaube es ihm. Mama schnarcht hinten leise im Takt der Reifen. Es fühlt sich an, als wären Papa und ich die einzigen wachen Menschen auf der ganzen Welt. Aber das stimmt nicht.

Ich fange an zu zählen, wer außer uns noch wach ist. Lastwagenfahrer: sieben, vielleicht acht. Ein Güterzug neben der Autobahn, vorne ein einziges helles Fenster: einer. Ein Lieferwagen mit einem Brot auf der Seite, der schon jetzt Brötchen ausfährt, damit sie morgens beim Bäcker liegen. Eine Kehrmaschine, die ganz allein eine Brücke putzt. Ein Polizeiauto, das langsam neben uns herfährt, und der Polizist darin gähnt genau wie ich. Und all die Krankenschwestern, die jetzt auf Station sind, so wie sonst Mama. Die Nacht ist voller Leute, die man am Tag nie sieht. Kopilotinnen sehen, was andere verschlafen. „Und jetzt hast du sie gezählt“, sagt Papa. „Das hat bestimmt noch keiner gemacht.“

Um vier Uhr halten wir an einer Raststätte. Es ist kalt und riecht nach Diesel und Kaffee. Unter einer Laterne trabt ein Fuchs über den Parkplatz, ganz ruhig, als gehöre ihm die Nacht. Wir bleiben stehen, bis er weg ist, und keiner von uns sagt ein Wort. Kopilotinnen sehen, was andere verschlafen. Drinnen summt eine Frau beim Wischen, und ein Lastwagenfahrer mit grauem Bart nickt mir zu, als wären wir Kollegen. Papa kauft sich einen Kaffee und mir einen Kakao aus dem Automaten. Ich halte ihn mit beiden Händen, damit sie warm werden. Er schmeckt ein bisschen nach dem Pappbecher und sehr nach Abenteuer. Es ist der beste Kakao meines Lebens.

Kurz vor der Schweiz frage ich Papa endlich das, was ich seit Wochen niemanden frage. „Was, wenn ich an der neuen Schule niemanden kenne?“ Nach den Ferien komme ich in die fünfte Klasse, an eine riesige Schule, auf die keiner aus meiner alten Klasse geht. Papa schweigt eine Weile. Dann erzählt er von seinem ersten Tag an der großen Schule. Er hat sich verlaufen und ist im Lehrerklo gelandet. „Im Lehrerklo?“ „Im Lehrerklo. Dann kam ein Junge rein, der sich auch verlaufen hatte. Wir haben zusammen den Ausgang gesucht.“ „Und?“ „Das war Onkel Kai.“ Onkel Kai ist Papas bester Freund. Seit dreißig Jahren. „Verlaufen tut sich am ersten Tag jeder“, sagt Papa. „Aber selten allein.“

Dann kommt der Gotthardtunnel. Fast siebzehn Kilometer lang, sagt Papa, quer durch einen ganzen Berg. Das Licht wird orange, die Wände rauschen vorbei, und über uns liegt so viel Stein, dass ich lieber nicht darüber nachdenke. So ähnlich fühlt sich die neue Schule an, denke ich: lang und dunkel, und man sieht das Ende nicht. Aber man kann ja Lampen zählen. Also zähle ich. Bei dreihundert gebe ich auf, und da ist es schon fast vorbei. Hinten murmelt Pelle im Schlaf: „Sind wir da?“ „Nein“, sagen Papa und ich gleichzeitig, und dann lachen wir so sehr, dass Papa sich die Augen wischen muss. Mama schläft einfach weiter. Mama würde sogar den Weltuntergang verschlafen, sagt Papa.

Als wir aus dem Tunnel kommen, ist der Himmel anders. Die Berge stehen schwarz vor einem dunkelblauen Himmel, und ganz hinten im Osten liegt ein schmaler, heller Streifen. „Der Morgen“, sagt Papa leise. „Er kommt.“ „Den Sonnenaufgang will ich sehen“, sage ich. „Ich bleib wach.“ „Und wenn du einschläfst, wecke ich dich nicht“, sagt Papa. „Kopilotinnen brauchen ihren Schlaf.“ „Ich schlaf nicht ein.“ Ich ziehe die Kapuze über die Ohren. Der Motor brummt gleichmäßig, die Straße schlängelt sich bergab, Kurve um Kurve, wie ein langsames Schaukeln. Die Gummibärchentüte ist leer, der Kakao ist alle. Ich schaue auf den hellen Streifen. Ganz fest, ohne zu blinzeln. Meine Augen sind schwer wie nasse Handtücher.

Ich bin eingeschlafen. Natürlich. Papa sagt, der Himmel ist erst grau geworden, dann rosa, dann golden, und dann kam die Sonne hinter einem Berg hervor, rund und orange wie eine Aprikose. Er sagt, er hat ganz genau hingeschaut. Für mich mit. Er hat sogar kurz angehalten, auf einem Parkplatz über einem See, und ganz leise den Motor ausgemacht, damit ich nicht aufwache. Kopilotinnen sehen, was andere verschlafen, hat er gesagt. Und Papas sehen, was Kopilotinnen verschlafen. Erzählt hat er es mir erst Stunden später, als ich am Meer aufgewacht bin. Ich glaube, ich habe den Sonnenaufgang trotzdem gesehen. Irgendwie. Hinten schliefen Mama und Pelle, vorne schlief ich, und Papa fuhr uns ganz leise in den Morgen hinein und summte.

Ende. Gute Nacht!