Gute-Nacht-Geschichte
Dreiundzwanzig Untermieter
- ab 11 Jahren
- ca. 6 Min. vorlesen
- 7 Min. anhören
- 8 Seiten
- Fantasy
Kostenlos und ohne Anmeldung. Das Buch öffnet sich auf dem Schreibtisch – „Vorlesen lassen“ startet die Erzählstimme.
Die Geschichte zum Vorlesen

Elif wollte die Dinge immer ganz genau wissen. Und diesmal fing es mit einem Kratzen an. Jeden Abend, wenn sie im Bett lag, kratzte und raschelte es über ihrem Fenster, im Kasten, in dem der Rollladen steckt. Manchmal piepste es sogar, ganz hoch und dünn. Wer wohnt da oben? „Mäuse“, sagte Papa beim Frühstück und kratzte sich einen Mückenstich am Arm. „Ich habe den Hausmeister angerufen. Am Samstag macht Herr Krause das Loch im Rollladenkasten zu.“ Elif sagte nichts und rührte in ihrem Müsli. Aber nachts lag sie lange wach und lauschte. Mäuse, fand sie, klangen irgendwie anders. Heute war Mittwoch. Sie hatte drei Tage, um herauszufinden, wer da oben wohnte.

Am Mittwochabend legte sich Elif mit Papas altem Fernglas auf die Lauer. Sie saß im Dunkeln am offenen Fenster, und der Himmel über dem Hinterhof wurde erst rosa, dann lila. Um 21:14 Uhr fiel etwas aus dem Spalt über ihrem Kopf. Etwas Kleines, Dunkles, das nicht fiel, sondern flog, im Zickzack, schneller als ein Gedanke. Dann noch eins. Und noch eins. Und noch eins, das fast ihre Nase streifte. Elif hielt die Luft an. Wer wohnt da oben? Keine Maus. Das waren Fledermäuse! Sie schrieb alles in ihr Heft: Uhrzeit, Anzahl, Flugrichtung. Ihre Hand zitterte ein bisschen, aber nicht vor Angst. Und dann fiel ihr ein, was am Samstag passieren sollte.

Am Donnerstag ging Elif nach der Schule in die Stadtbibliothek und lieh sich drei Bücher über Fledermäuse. Dann rief sie mit klopfendem Herzen beim Fledermaus-Notruf des Naturschutzbundes an. Eine freundliche Frau hörte zu und stellte Fragen. „Das sind sehr wahrscheinlich Zwergfledermäuse“, sagte sie. „Die wohnen gern in Rollladenkästen. Im Sommer sind das oft Mütter mit ihren Jungen, eine Wochenstube. Wenn man das Loch jetzt verschließt, sind die Jungen eingesperrt und die Mütter ausgesperrt. Darum ist das verboten. Fledermäuse stehen unter Schutz.“ Elif legte auf und starrte an die Decke. Wenn Herr Krause am Samstag kam, würde es über ihrem Fenster still werden. Und auf einmal wollte sie diese Stille überhaupt nicht.

Am Freitag malte Elif Plakate. Babaanne, Papas Mutter, die seit dem Winter bei ihnen wohnt, setzte sich dazu und half beim Ausmalen der Flügel. „Yarasa“, sagte sie, als sie sah, was Elif malte, und lächelte. „In unserem Dorf haben sie in der Scheune gewohnt, über den Ziegen. Jeden Abend flogen sie aus, und mein Vater sagte: Wo Fledermäuse wohnen, kann man ruhig schlafen. Die fressen die Mücken.“ Elif staunte und vergaß ganz, weiterzumalen. Babaanne war auch einmal ein Mädchen gewesen, das Fledermäuse beobachtet hat. „Hilfst du mir heute Abend?“, fragte Elif. Babaanne zwinkerte. „Gegen deinen Vater? Immer. Er ist mein Sohn, ich kenne ihn. Erst sagt er Nein. Dann denkt er nach.“

Beim Abendessen klopfte Elif mit dem Löffel an ihr Glas. „Familienrat.“ Sie stellte das erste Plakat auf. „Was wiegt eine Zwergfledermaus?“ „Ein Apfel?“, riet Papa. „Ein Handy?“ „Zwei Gummibärchen.“ Papa lachte. „Und wie viele Mücken frisst sie in einer Nacht?“ „Drei?“ „Hunderte.“ Papa hörte auf zu lachen und kratzte sich am Arm. Dann wurde er ernst. „Und wenn sie in die Wohnung kommen? Oder alles kaputt nagen?“ „Fledermäuse nagen nicht“, sagte Elif. „Sie bauen keine Nester. Sie hängen nur da. Mit ihren Babys.“ Es war lange still. Babaanne sah ihren Sohn an. Schließlich seufzte Papa. „Gut“, sagte er. „Aber dann sagst du es Herrn Krause. Du kennst dich ja jetzt aus.“

Am Samstagmorgen klingelte es. Herr Krause stand mit Leiter und Werkzeugkiste vor der Tür. „Kind, ich hab einen Auftrag“, brummte er. Elifs Knie fühlten sich an wie Pudding, und ihre Stimme auch. Aber sie schlug ihr Heft auf und las vor: „Mittwoch, 21:14 Uhr: vier Fledermäuse. Donnerstag: elf. Freitag: siebzehn.“ Dann erzählte sie vom Notruf und von der Wochenstube. Herr Krause hörte ihr zu, lange. Dann kratzte er sich am Kopf. „Siebzehn“, sagte er. „Na, dann bleibt das Loch eben auf. Ich hab selber welche im Gartenhaus.“ Am Abend trugen sie Stühle auf den Balkon, Decken, Tee und das Heft. Um 21:09 Uhr flog die erste aus dem Spalt. „Eins“, flüsterte Elif.

„Zwei. Drei. Vier.“ Sie kamen eine nach der anderen, wie kleine Schatten, die jemand aus dem Kasten zauberte, und schwirrten über den Hof, um die Laterne und zwischen den Bäumen hindurch. „Neun. Zehn. Elf.“ Papa beugte sich so weit vor, dass sein Tee überschwappte. Babaanne flüsterte etwas auf Türkisch, das wie ein altes Kinderlied klang. „Siebzehn … zwanzig … dreiundzwanzig!“ Dreiundzwanzig Fledermäuse. Elif sah Papa an, und Papa pfiff leise durch die Zähne. „Dreiundzwanzig Untermieter“, sagte er. „Und keiner zahlt Miete.“ „Doch“, sagte Babaanne und zeigte in die Luft, wo die kleinen Flügel Mücken jagten. „In Mücken.“ Elif lachte. Die ganze Zeit hatten sie hier gewohnt, direkt über ihrem Kopf. Jetzt wusste sie es.

Sie blieben noch lange draußen sitzen. Die Fledermäuse riefen sich etwas zu, so hoch, dass Elif es nicht hören konnte, und fanden mit dem Echo ihrer Rufe im Dunkeln die kleinen Insekten. Elif stellte sich vor, wie es klingen würde, wenn man es hören könnte: wie tausend winzige Glöckchen. Papa wurde an diesem Abend kein einziges Mal gestochen. Er sagte es dreimal. Irgendwann wurden Elifs Augen schwer und schwerer. Babaanne legte ihr eine Decke über die Schultern, und Papa ließ sie schlafen, mitten auf dem Balkon, unter einem Himmel voller kleiner Flügel. Und über ihrem Fenster, im dunklen Kasten, warteten die Jungen auf ihre Mütter. Bis zum Morgen. So wie jede Nacht.

Ende. Gute Nacht!